Von einem beeindruckenden Erlebnis im Pongau

Es ist ein heißer Sommertag im Salzburger Land. Die Sonne steht über dem Tal und der Wetterbericht hat angedeutet, dass es gegen Nachmittag ein Gewitter geben könnte. Aufgebrochen sind wir zu einer Wanderung mit dem Ziel, eine Alm zu erreichen, die in anderen Berichten unter anderem für ihren Kaiserschmarrn gelobt wird. An einer Weggabelung entscheiden wir uns, ein anderes Ziel zu wählen, weil die Schilder eine deutlich kürzere Wegzeit versprechen. Eine Entscheidung, die später dazu führen soll, dass es eine der am meisten beeindruckenden Wanderungen in diesen Tagen wird.

IMG_8847_x_800PxWie sich im Laufe des zum Teil steilen Anstiegs durch Almwiesen zeigt, sind die unten genannten Gehzeiten wohl eher der Phantasie als der Wirklichkeit entnommen. Ein langes Stück nach dem wir die letzten Häuser auf der Fahrstraße passiert und dann noch ein Waldstück durchquert haben, erreichen wir die Alm: ein altes Bauernhaus aus Holz mit zwei ebenfalls aus Holz angebauten Terrassen. Die beste Zeit liegt offensichtlich schon weit zurück. Der erste Sitzbereich ist abgesperrt, sieht nicht mehr sicher aus. Um das Haus herum liegt die zweite, zum Tal gewandte Terrasse. Tische mit roten Tischdecken sind am Haus entlang aufgereiht, Bänke und Stühle drum herum.

Obwohl wir reichlich Wasser für die Tour mitgenommen haben, freuen wir uns darauf, nun etwas trinken zu können. Doch niemand kommt, um uns zu begrüßen. Die Tür ist offen, ein Blick in die Stube lässt darauf schließen, dass jemand da sein muss. Ein Rufen bleibt unbeantwortet. Die Bänke draußen haben wir inzwischen schon zum Ausruhen genutzt, als auf einmal die Türe von innen geöffnet wird und ein alter Mann heraus kommt. Unsere Frage nach einem Getränk bejaht er freimütig. Dann entdeckt er, dass Vögel im Vorbeiflug auf den roten Tischdecken ihre Spuren hinterlassen haben. „Was sind das für ungebildete Tiere!?“ ereifert er sich, nicht ohne darauf hinzuweisen, dass dies neu sein müsse. Er holt einen Lappen und macht sich an die Beseitigung, vergisst beinahe unseren Getränkewunsch darüber. Mit dem zweiten Lappen kommt dann auch ersehnte Erfrischung. Er setzt sich zu uns und wir kommen ins Gespräch. „Was haben wir heute – Donnerstag? Dann war die letzten drei Tage kein einziger Gast hier oben.“ erzählt er von der Einsamkeit, die er dort oben auf der Alm erlebt. Aber es war nicht  immer so einsam. „Früher haben wir beide Terrassen voll gehabt und 98 % sind gewandert.“ erklärt er uns, wie sich der Tourismus im Laufe der Jahre verändert hat. Auf welche Zeit er dort oben zurück blicken kann, interessiert uns. „Ich bin seit 56 Jahren hier oben – Sommer wie Winter“ kam seine Antwort fast wie aus der Pistole geschossen. Die Landwirtschaft ist sein Leben. Aber sein Leben verändert sich auch mit dem Alter. Die Rinder, die er früher hatte, sind Schafen gewichen – die machen weniger Arbeit. Bei allem, was er in seiner einsamen Umgebung tut, hat er eines fest im Kopf: „Ich habe eine Enkelin 300 Kilometer von hier, der muss ich alles berichten.“

IMG_8840_x_800PxDie ersten Wolken bilden sich am Himmel. Weil wir im Tal noch einen Bus erreichen wollen, verabschieden wir uns. Er schickt uns noch an der Weide mit seinen Schafen vorbei, damit wir die Tiere, die er uns zuvor auf Fotos gezeigt hat, noch sehen können . Eine Bitte, die wir ihm einfach nicht ausschlagen können…


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